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mit einer Buchvorstellung oder etwas anderem. Seid gespannt!

2. Septemberhälfte 2022

Anja Biedermann

 

Gerade läuft die erste Etappe der LovelyBooks-Leserunde zu Roman mit Todesfolge. Neben einem kurzen Abriss der Handlung mit ihren eigenen Worten sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr Urteil darüber abgeben, wie "dreidimensional" ausgestaltet sie die Figuren finden.

Eine der Nebenfiguren, die wohl alle Mordfälle Leberechts begleiten wird, ist Polizeimeisterin Anja Biedermann. in Kapitel 6 aus dem Buch lernt ihr sie kennen.

Porsche 944 am Abschleppwagen

Leseprobe

  

 

Kapitel 6

 

»Sag mal, hast Du überhaupt auf den Kalender geschaut? Es ist Samstag, und ich hab dienstfrei. Du glaubst wohl, mit deiner Sklavenhaltermentalität kannst du dir alles erlauben.«

»Freilich kann ich.« Gunslinger beantwortete das Frotzeln mit einem Grinsen. »Meinst du, auch ich hätte nichts Besseres zu tun, als mein halbes Wochenende im Büro zu hocken? Es ist eben dringend und genauso wenig alltäglich wie deine Hotpants und dein Tanktop in der Dienststelle. Darin siehst du übrigens nicht gerade so aus, wie du heißt.«

»Was soll das jetzt wieder bedeuten, bitteschön?« Ihr Kichern war verhalten und fiel nicht auf.

»Na ja, bieder, Mann

Nun zogen sich ihre Mundwinkel weit auseinander. Es war ein Ritual, das sie seit ihrem ersten Zusammentreffen immer dann zelebrierten, wenn es einen passenden Anlass gab. Böse war Polizeimeisterin Anja Biedermann dem Kriminalhauptkommissar nicht. Vielmehr mochte sie seinen Humor. Sie hatte ihn als einen Vorgesetzten kennengelernt, der nicht nur austeilen konnte, sondern gleichfalls mit einer gehörigen Portion Selbstironie überraschte. So freute sie sich, mit ihm in der ‚Soko Nightingale‘ gemeinsam zu ermitteln und von der Routine ihres deutlich dienstälteren Kollegen zu lernen. Nicht nur dienstlich mochte sie ihn. Des Öfteren hatte sie sich gefragt, ob sie zusammenpassen würden, er, der Junggeselle, und sie, ebenfalls Single, aber mindestens 15 Jahre jünger, eher wohl 20. Ihre stets lachenden tiefblauen Augen und ihr blondes Haar, meist zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden, brachten ihr regelmäßig die Sympathie der Männerwelt ein, nur er hatte ihr außer bei ihrem Kennenlernen nie wieder ein Kompliment darüber gemacht. Stand er überhaupt auf sportlich-schlanke Frauen ohne üppige Kurven?

 

Als sie am frühen Morgen seine WhatsApp-Nachricht entdeckte, hatte sie ihn ohne zu zögern zurückgerufen und ihm ihre Unterstützung zugesagt. Dass es sein erster Mordfall war, hatte er ihr verschwiegen.

»Dann erzähl mal genauer, was ich heute hier soll, bevor ich mich mit meiner Clique am Baggersee in der Sonne aale.«

»Kommissar Zufall sollst du kennenlernen! Wie ich dir am Telefon erklärte, saß ich gestern Abend gemütlich mit einem Freund in der Kneipe, wir kommen auf die Zeitungsmeldung über den Tod der Nightingale zu sprechen, und er erzählt mir, dass er kurz zuvor mit ihr einen Martini gekippt hat. Nach ihrer Autorenlesung in der Stadthalle. Jemand hat sie danach abgeholt, und von diesem Mann machst du bitte ein Phantombild für die Fahndung. Dann finden wir entweder ihren Mörder oder den Zeugen, der sie wohl als Letzter lebend gesehen hat.«

»Und wenn dein Freund …? Ich meine, wenn er den nur erfunden hat?«

»Eine brauchbare Theorie. Aber eben nur eine Theorie. Er hat ein Alibi.« Ihren finsteren Blick fand er mehr herausfordernd als fragend. »Ist ja gut, ich überprüfe seine Aussagen bei seiner Vermieterin und frage auch in der Stadthalle nach. Schade, dass er nicht auf das Taxi und den Fahrer geachtet hat!«

Er schaute auf die Wanduhr zwischen den beiden Bürofenstern. »Fahr schon mal deinen Rechner hoch, Gotthilf muss jeden Augenblick hier sein.« Er schüttelte den Kopf. Es dauerte einen Augenblick, bis er ihr Erstaunen über den aus der Mode gekommenen Vornamen verstand. »Hör auf zu kichern! Er heißt wirklich so. Gotthilf Leberecht. Privatdetektiv. Ein Profi. Gestern Abend hat er mir eine detaillierte Personenbeschreibung geliefert. Horch, wenn man vom Teufel spricht, …«

Beide hoben den Kopf und richteten ihre Blicke auf die Tür. Durch den Spalt hörten sie leicht quietschende Schritte im morgendlich leeren Flur, die immer näher kamen.

 

»Na, ein Allerweltsgesicht ist das nicht gerade. Und wenn schon. Kollegin Biedermann hat mit deinen Angaben fast ein Foto gezaubert. Es wäre doch gelacht, …«

»Tja, die heutige Software leistet schon Verblüffendes mit ihren fotorealistischen Bildern. Herr Leberecht, vielen Dank für Ihre Mithilfe! Das Konterfei ist nun in der Datenbank und bundesweit verfügbar. Außerdem schreiben wir den Mann zur Fahndung aus, und da schicken wir es mit.«

Ungeduldig hatte Anja Biedermann auf das Ende ihrer spontanen Wochenendschicht gewartet. Kaum war Leberecht aufgestanden, um seinem Freund Berti am Schreibtisch gegenüber zuzuschauen, wie der die eben aufgerufenen Bilddateien in das elektronische Fahndungsformular einbettete, fuhr sie ihren Arbeitsplatzcomputer herunter und erhob sich. Ihren Rucksack neben dem Aktenbock aufzunehmen und die wenigen Schritte zur Tür zu eilen, schien ein einziger, gut einstudierter Bewegungsablauf zu sein. Nur, um nicht unhöflich zu wirken, drehte sie sich noch einmal um.

»Herr Leberecht, ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen. Dir auch, Heribert. Bis Montag hast du den Mörder bitte dingfest gemacht, ich will Erfolge sehen!« Zum Abschied schenkte sie ihrem Vorgesetzten ein Grinsen. Aus seinen hochgezogenen Brauen schloss sie, dass er nicht wusste, ob es ihn anspornen sollte oder ob es nur ironisch gemeint war.

Trotz des echofreudigen Flurs blieben die Kunststoffsohlen ihrer Freizeitschuhe lautlos, als sie ihren Schritt zum Treppenhaus hin beschleunigte.

 

»Heribert? Nicht Berti?«

»Tja, Anja und ich duzen uns zwar, aber ein bisschen Respekt muss im Dienst natürlich bleiben. Und jetzt raus mit dir, ich will den Fahndungsaufruf machen, und da muss ich mich konzentrieren. Schönen Samstag noch!«

»Krieg ich da einen Ausdruck? Ich will nur, … na ja, schließlich hab ich die Bilder ja mit erstellt.«

»Geht leider nicht. Das sind offizielle Fahndungsbilder, die darf ich nicht privat …«

Gunslinger hatte sich wieder seinem PC zugewandt und tippte voller Konzentration die Personenbeschreibung ab, die sein Freund ihm aufgeschrieben hatte, während er mit der Biedermann das Gesicht des Zeugen oder vielleicht auch des Mörders modellierte. Für einen Augenblick schaute er noch einmal auf. »Wenn Du nach den Bildern fragst, schwant mir Böses. Komm bloß nicht auf die Idee, auf eigene Faust zu recherchieren und uns ins Handwerk zu pfuschen! Das hängt der Staatsanwalt dann nämlich mir an.« Nachdem er sah, wie sich Leberecht umdrehte und die ersten Schritte in Richtung Tür machte, beugte er sich beruhigt wieder über seine Tastatur. So bekam er nicht mit, dass der im Hinausgehen drei, vier Schritte Umweg zum Bürodrucker machte und mit zwei Fingern die obersten Blätter aus dem Ausgabeschacht zog.

 

 

An diesem Samstagmittag hatte Leberecht keinen Hunger. Jeder Gedanke an den Tod seiner heimlichen Jugendliebe schnürte ihm den Magen zusammen, sei es die Erinnerung an den Abend der Lesung, an den Zeitungsartikel oder an die Gespräche mit seinem Kumpel Berti. Mit Selbstgesprächen versuchte er, seine eigene Einstellung zu ergründen. Bis sein Entschluss feststand. »Dass ich die Fahndungsbilder habe, ist ein guter Anfang. Ich werde herausbekommen, wer Valentina umgebracht hat, und ich lasse mich nicht abwimmeln. Auch nicht von Berti. Das bin ich ihr schuldig. Na ja, vielleicht eher mir selbst. Ein unerkannter Liebesdienst. Wohl der letzte.« Bis zum späten Abend schrieb er Stichworte auf, fasste zusammen, was er an Anhaltspunkten hatte, plante ein mögliches Vorgehen bei den Ermittlungen und surfte im Internet, bis er Valentinas Leben in- und auswendig kannte. Zumindest das, was davon an die Öffentlichkeit gedrungen war. Gegen Mitternacht beendete er den Tag mit einem Schlummertrunk on the rocks.

  

Ende der Leseprobe.

 

 

Die Leseprobe hat Euch Appetit gemacht, ja? Dann rasch zum Buchhändler um die Ecke und die Bestellung aufgeben! Und wenn ihr die Leserunde auf LovelyBooks verfolgt, habt ihr noch mehr vom Buch.

 

Viel Lesespaß wünschen euch Gotthilf Leberecht und Anja Biedermann.

 

Euer Michael Kothe.