Lasst uns froh und böse sein!

© Autoren-Adventskalender.de
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Alle Jahre wieder ... laden Rega und Andrea verschiedene Autoren ein, euch mit weihnachtlichen Geschichten zu erfreuen oder zumindest zu unterhalten. Auch dieses Jahr bin ich wieder dabei, freue mich darüber und danke den beiden herzlich für die Aufnahme meiner Weihnachtsgeschichte in ihren Autorenadventskalender.

 

Foto: Philipp Kothe
Foto: Philipp Kothe

»Jingle Bells«

 

 

Ein gewisses Maß an krimineller Energie gehörte schon dazu, den Überfall auf ein Juweliergeschäft in der vorweihnachtlichen Kaufingerstraße in München zu planen. Von der Durchführung einmal ganz abgesehen.


Und so steckten Thomas und Kevin, beide Anfang 20, verschwörerisch die Köpfe zusammen. Mit Absicht hatten sie einen Treffpunkt gewählt, der einige Kilometer vom ausbaldowerten Tatort entfernt lag. Die Bäckerei Höflinger in Garching bot mit ihrem recht großen Gastraum nicht nur ein verschwiegenes Eckchen, sondern durch die großzügigen Glasflächen auch einen romantischen Blick über die verschneite Terrasse ins winterlich weiße Wäldchen. Mit Bedacht hatten sie gerade dieses Lokal ausgesucht, denn ihnen war klar, dass sie für ihr Vorhaben auf Helfer angewiesen waren. Am besten auf solche, die sie nicht in ihren Plan einweihen mussten. Sie hatten sich an Bernd erinnert, einen Rollstuhlfahrer, den sie vor einiger Zeit in diesem Café kennengelernt hatten, das auf seine Barrierefreiheit stolz war. Mit Sicherheit würden sie ihn hier wiedertreffen, wenn auch nicht unbedingt an diesem Sonntagmorgen, den sie sich mit Cappuccino und Croissants versüßten.

»Was brauchen wir?«

Über dieser Schlüsselfrage grübelten sie schon länger. Thomas war der Smartere der beiden, seine Antwort umfasste beinahe alle Aspekte, die den Beutezug vielversprechend und sicher machen sollten.

»Jemanden, der unsere Beute zu Geld macht, ein Alibi und einen Fluchtplan, der Erfolg verspricht.«

»Und eine Waffe, damit man uns auch die Ernsthaftigkeit eines Überfalls abnimmt!«

»Einverstanden, Kevin. Aber nur eine Attrappe! Ich will nicht, dass wir uns selbst ins Knie schießen, falls wir nervös werden sollten. Schließlich ist es unser erster Überfall. Aber der Handel ist ja selbst schuld, weil du an den Zigarettenautomaten fast nur noch mit Karte bezahlen kannst. Die Dinger aufzubrechen, bringt nix mehr.«

»Vom letzten Karneval hab ich noch zwei Spielzeugpistolen daheim. Mit Zündhütchen!«

»Prima, und ich kümmere mich um den Hehler. Vom Elektronikstrich hinterm Münchner Hauptbahnhof kenne ich jemanden, der uns ...«

»Von wo?«

»Stell dich nicht dümmer, als du bist! Vom Elektronikstrich, also den vielen kleinen Läden, in denen du neben Handys allerlei elektronischen Schnickschnack kaufen kannst und Taschenlampen, Pfefferspray, Handschellen und so.«

»Mmh, Pfefferspray wäre geil.«

»Ist aber verboten. Es sei denn, es wird ausdrücklich als Tierabwehrspray deklariert.«

»Aber Tiere gibt’s in dem Juwelierladen doch gar nicht.«

Theatralisch verdrehte Thomas die Augen.

»Deshalb brauchen wir auch kein Pfefferspray.«

»Aber Spray wäre gut. Nehmen wir doch Schlumpfspray!«

»Gewiss nicht! Denn wie ich dich kenne, hältst du die Dose verkehrt herum, und dann sind wir selbst für drei Tage blau.«

»Du bist gemein!«

Schon hatte Thomas den Mund geöffnet, um mit einer Anspielung auf Kevins Empfindlichkeit den Vorwurf zu entkräften. Ein Kopfschütteln war ihm dann doch Zeichen seiner Resignation genug. Wie hatte er sich überhaupt darauf einlassen können, mit seinem Vetter zusammen einer kriminellen Karriere mit mehr als dem Aufbrechen von Zigaretten- und Kaugummiautomaten entgegenzueifern! Ein Nippen an seinem kalten Cappuccino brachte ihn ins Hier und Jetzt, also in Höflingers Bäckerei, zurück.

»Zum Hehler nehme ich den Kontakt auf, und du hast die Pistolen. Ein wasserdichtes Alibi brauchen wir nicht, wenn wir uns absolut unkenntlich machen. Ich hab da schon eine Idee.« Thomas setzte seine Tasse ab, wischte mit dem Handrücken den Schaum vom Mund und sah seinen Cousin direkt an. Obwohl er schon dessen ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, stach er mit dem Zeigefinger in Kevins Richtung Löcher in die Luft.

Doch zum Vortrag kam er nicht, Kevin war schneller.

»Wir machen uns unkenntlich? Das heißt, wir verkleiden uns? Fasching ist in einem Vierteljahr, dann gehen wir als Cowboys.« Kevin strahlte. »Das passt zu den Colts.«

Geräuschvoll stieß Thomas den angehaltenen Atem aus.

»Wir gehen vorher. Als Weihnachtsmänner.«

»Was?«

»Wir. Gehen. Als. Weihnachtsmänner.«

Kevin mahlte mit den Zähnen.

»Das ist gut. Der Olli arbeitet doch bei einem Kostümverleih in Schwabing. Da kann er uns bestimmt zwei Santa-Kostüme überlassen. Mit Personalrabatt oder so.«

»Du denkst aber schon daran, was für eine Plaudertasche er ist! Sobald der in der Zeitung von dem Überfall liest, macht er sich damit wichtig, dass es seine Kostüme waren, mit denen wir uns verkleidet haben.«

»Mmh, und was schlägst du vor?«

»Wenn wir schon auf Beute von ein paar zig-tausend Euro aus sind, dürfen wir bei der Vorbereitung nicht knausern. Lass uns doch rote Kapuzenmäntel, weiße Bärte und Handschuhe einfach kaufen. Dann kann das niemand zu uns zurückverfolgen.«

Nachdenklich legte Kevin den Kopf in den Nacken. Dann hellte sich seine Miene auf.

»Amazon! Ich hab da ‘nen Prime-Kundenaccount. Lieferung per Express und portofrei. Und kostenlose Rückgabe ohne Begründung innerhalb von 14 Tagen. Dann kostet uns das nicht mal was.«

Thomas’ Blick wanderte nach oben, als versuchte er, die Löcher in den Deckenplatten zu zählen.

»Was hab ich gerade gesagt von wegen ‚zurückverfolgen‘? Amazon! Dann kannste hinterher gleich ‘ne Kundenrezension schreiben, wie perfekt die Tarnung war und warum man uns doch auf die Schliche gekommen ist!«

»Mmh. Ach so.«

Ein Lösung fand Thomas schnell. Wozu gab es denn quasi nebenan KIK und TEDI? Und für den einmaligen Gebrauch mussten sie nicht auf lange Haltbarkeit ihrer Kostüme achten. Wenn sie dann noch je eines in dem jeweils anderen Laden kauften ...

Auf Kevins Stirn bildeten sich waagerechte Falten.

»Dann haben wir auch gleich den Sack«, kam es gedehnt über sein Lippen, »in dem wir unsere Beute unauffällig wegtragen können.«

Thomas grinste breit. »So viel wird’s wohl nicht werden, dass es nicht in die Taschen unserer Mäntel passen würde. Das ginge auch schneller und mit einer Hand. Schließlich willst du ja auch deinen Colt schwingen.« Langsam schob er den Rest seines Croissants in den Mund und kaute genüsslich.

Kevin nickte. »Wir müssen aber noch unseren Fluchtplan ausarbeiten!« erinnerte er seinen Vetter.

»Kein Thema! Als Weihnachtsmänner mischen wir uns unters Volk. Zur Vorweihnachtszeit ist die Kaufingerstraße voller Menschen. Alle hetzen, um Geschenke zu besorgen. Keiner achtet auf uns. Sobald wir wieder draußen vor der Tür des Juwelierladens stehen, sind wir praktisch verschwunden. Das Getümmel ist unübersichtlich, wir brauchen nur noch ein paar weitere Weihnachtsmänner, zwischen denen wir untertauchen.« Leise kicherte er in sich hinein. »Ich stelle mir jetzt schon das Gesicht des Juweliers vor, wenn er vor seinen Laden tritt und nicht zwei, sondern zehn Kapuzenmännern gegenübersteht.« Ernst sah er Kevin an. »Hier kommt Bernd ins Spiel.«

»Der mit dem Rolli? Kommt der mit anderen Rollstuhlfahrern und bringt uns auch zwei AOK-Chopper mit? Dann wären wir schneller als zu Fuß.«

»Sag mal, hast du sie noch alle? Das Rollstuhlfahren müssten wir vorher noch lange üben. Nein! Bernd leitet eine Event-Agentur., falls du das vergessen haben solltest. Wir bestellen bei ihm eine Gruppe Weihnachtsmänner, die in der Fußgängerzone Weihnachtslieder singt, um meiner Freundin Susanne eine Freude zu machen. Auch vor dem Schmuckgeschäft. Während wir drin sind, aber das sagen wir ihm nicht. Wir begleiten Susanne auf ihrem Einkaufsbummel. Dann melden wir uns bei ihr kurz ab, verkleiden uns und gehen in das Schmuckgeschäft. Die Uhrzeit bestimmen wir nach dem Fahrplan der S-Bahn. Bernd soll das genau deichseln. Er wird keinen Verdacht schöpfen, denn ich habe ihm ja von Susanne erzählt. Wir stopfen unsere Verkleidung in die Säcke und gehen rüber zu ihr. Zusammen beobachten wir den Polizeieinsatz und tun ganz neugierig.«

Kevins Antwort war kurz: »Genial!«

 

Der große Tag war gekommen. Thomas und Kevin nahmen Susanne in ihre Mitte. Gemächlich schlenderten sie vom Marienplatz aus die Kaufingerstraße entlang, blieben hier vor einem Schaufenster und dort vor dem Eingang zu einem Geschäft stehen. In die kalte Dezemberluft mischte sich der Duft nach Maroni und gebrannten Mandeln. Vereinzelte Schneeflocken verbreiteten eine festlich-romantische Atmosphäre – bis sie auf den Asphalt fielen und zu Matsch zertreten wurden, aber das sah ja dann niemand mehr. Aus der Ferne erklangen Weihnachtslieder. Der Gesang war vielstimmig und klang schräg, nach jeweils einem Lied schien er ein paar Schritte näher zu kommen. Die Tüten hatten sie Susanne nicht abgenommen. Einerseits hatten sie kein schlechtes Gewissen, denn sie wogen nicht viel. Andererseits trugen sie ihre eigenen Plastiktüten. Das Überwerfen der roten Kapuzenmäntel hatten sie bis zur Perfektion geübt ebenso wie das Überziehen der weißen Rauschebärte. Beides dauerte nur Sekunden, und da war das Aufsetzen der verspiegelten Sonnenbrillen mit eingeschlossen.

»Geht schon mal vor!«

Mit der knappen Entschuldigung, er müsse mal für Königstiger, hauchte Thomas Susanne einen Kuss auf die Wange und wandte sich zum Eingang des Kaufhauses. Im Gehen zwinkerte er Kevin über seine Schulter zu.

»Warte mal! Ich komme mit.«

Thomas verharrte, bis Kevin zu ihm aufgeschlossen hatte. In der Deckung des Eingangs sahen sie Susanne nach, wie sie langsam weiterging in Richtung Schmuckgeschäft. Beide griffen in ihre Tüten, und nach wenigen Augenblicken hätte ein aufmerksamer Beobachter zwei Weihnachtsmänner in Richtung Stachus hasten gesehen. Doch in dem Trubel schenkte ihnen offenbar niemand Aufmerksamkeit, und so erreichten Thomas und Kevin unbehelligt das Schmuckgeschäft.

 

Freundlich schaute der Juwelier auf, als er die Türglocke hörte. Ein geschäftsmäßig aufgesetztes Lächeln schob sich in sein Gesicht, geflissentlich richtete er sich auf. In gerader Haltung konnte er seinen Kunden selbstsicherer entgegentreten. Doch sofort sackten seine Schultern herab, ebenso verloren seine Mundwinkel ihren Halt, als er in zwei Gesichter blickte, von denen er zwischen weißen Bärten, Spiegelbrillen und über die Stirn hängenden Kapuzen nur bleiche Wangen erspähte. Die beiden Revolver schienen nicht aus Plastik zu sein, ihr Anblick bewirkte ein Zittern. Und als eine der Waffen mehrmals nach rechts zuckte, verstand er sofort. Schnell drückte sich der Schmuckhändler aus dem schmalen Gang hinter dem Tresen in eine Ecke und überließ sein Revier dem Weihnachtsmann. Mit angehaltenem Atem verfolgte er, wie der die Schubladen aufzog, Schmuck und Uhren griff und in seine Manteltaschen gleiten ließ. Kaum trat dieser Santa wieder in die Mitte des Verkaufsraumes, leerte der andere die Vitrine an der Wand. Die Auslagen im Schaufenster – allesamt billige Imitationen, obwohl schön anzusehen – ließen die beiden unangetastet. Erleichtert seufzte der Juwelier und schloss die Augen, als sich vor seinem Geschäft eine Gruppe Weihnachtsmänner aufbaute und Jingle Bells anstimmte. Gleich würde einer von ihnen einen Blick ins Innere des Geschäfts werfen und den Überfall erkennen. Dann wäre er erlöst, seine Angst hätte ein Ende. In wenigen Minuten würde die Polizei ihn beschützen und, wenn er Glück hatte, die Räuber noch in seinem Geschäft stellen und seinen Schmuck sichern. Das Läuten der Türglocke riss ihn aus seinen Gedanken. Hinter ‚seinen’ beiden Weihnachtsmännern fiel die Tür ins Schloss.

 

Mit hektischen Blicken nach rechts und links verließen Thomas und Kevin das Juweliergeschäft gerade so schnell, dass es nicht nach Flucht aussah und hoffentlich keinem Passanten auffällig vorkäme. Erleichtert sogen sie die klare Winterluft in ihre Lungen und schlossen für einen Moment die Augen. Es war geschafft! Noch kam ihnen der Ladeninhaber nicht nachgehastet, noch hatte niemand nach der Polizei gerufen, und sie standen sicher inmitten eines Dutzends singender Weihnachtsmänner, unter denen sie nicht zu identifizieren wären. Noch ein paar Meter weiter weg von dem Schmuckgeschäft, dann würden sie ihre Mäntel in den Plastiktüten verstauen und ruhigen Schrittes zu Susanne treten, die sie schon vom Laden aus durchs Schaufenster entdeckt hatten. Das Timing war perfekt!

Der Schreck fuhr Thomas und Kevin in alle Glieder. Als sie die Augen öffneten, war ihnen klar, dass sie stärker auffielen als der sprichwörtliche bunte Hund. Am Rand der Gruppe erspähten sie Bernd, der von seinem Rolli mit zufrieden wirkendem Gesichtsausdruck zu ihnen aufschaute.

Thomas’ Kinnlade führte ein Eigenleben. Ohne sein bewusstes Zutun klappte sie herunter.

»Hast du noch alle Latten am Zaun?« Erbost fuhr er Bernd an. »Bist du, bist du ...«

»Blind!«, unterstützte ihn Kevin.

»... blind oder nur doof?« Thomas redete sich in Rage. Er legte den Kopf schief, schien zu lauschen. Der Klang einer Polizeisirene kam näher. »Ich hatte bei dir eine Truppe Weihnachtsmänner bestellt, und nun ...«

»... hast du sie bekommen. Samt Ständchen für deine Freundin.«

»Aber in ...«

»Du sagtest mir«, fiel ihm Bernd ins Wort. Auch seine Stimme schwoll an. »... es sollte möglichst billig sein. Da habe ich die Kostüme von letztem Jahr hervorgeholt und musste nur noch die Studenten anheuern für die Show für deine Freundin. Die Kostüme waren ja schon bezahlt. Von der Nestlé-Reklameaktion für After Eight. Für ihre Schokoweihnachtsmänner.«

Mittlerweile hatten die echten Santas ihren Gesang eingestellt und drängten sich um Thomas, Kevin und Bernd. Ihre Kapuzenmäntel stachen aus den gedeckten Farben der Passanten ringsum heraus – in kräftigem Grün.

 

 

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