Vor der Jury bestanden

Quer Beet aufs Treppchen

Buchcover Quer Beet von Michael Kothe

Band 1

 

Taschenbuch, 280 Seiten,11,99 €
ISBN 9783752972672
ePUB:                             2,99 €
Kindle (mobi):                 2,99 €

Buchcover Quer Beet von Michael Kothe

Band 2

 

Taschenbuch, 262 Seiten,   9,99 €
ISBN 9783753177328
ePUB:                              2,99 €
Kindle (mobi):                  2,99 €

 

Der Titel ist Programm

»Quer Beet«: Ein bunter Reigen über viele Genres hinweg - für jeden Leser ist etwas dabei!

»... aufs Treppchen«: Alle Beiträge stellten sich in Schreib- und Lyrikwettbewerben der Jury.

 

Immerhin resultierten daraus über 30 Veröffentlichungen in den Büchern von Verlagen oder Herausgebern. 

 

Band 1: Was führt die düstere Babysitterin im Schilde? Welchen Gedanken hängt ein zum Tode Verurteilter nach? Rettet der tollpatschige Weltraumfahrer die Menschheit in letzter Sekunde? Ist der Gast immer König? Und war da nicht noch ein vergnüglicher Mord am Frühstückstisch ...

 

Band 2: In bester Gesellschaft: Entstellte Leichen auf einer Motoryacht, ein weihnachtsmüder Santa Claus, eine Frau zwischen zwei Männern, ein dramatischer Ausbruch aus der Routine, der Schatz am Ende des Regenbogens, die Romanze, die zum Albtraum wird, und die, die glücklich endet ...

 

 


Leseprobe

 

Retourkutsche

 

Heute Abend kann den Gruber Sepp keiner leiden.

Erst war der am Morgen ausgerastet, als der Greindl Max mit seinem Traktorgespann beim Rangieren auf der schmalen Straße zwischen ihren beiden Höfen den Pfosten vor der Hofeinfahrt rammte und dabei das Ventil des Jauchewagens abbrach. Zwei Kubikmeter Gülle verteilten sich über den Gruberhof und flossen bis zur Haustür.

 

Der Greindl fühlt sich von seinem Nachbarn zu Unrecht angegriffen wegen des eben von ihm zum Besten gegebenen Vorfalls mit dem Güllewagen. Wozu die Aufregung? Das kann schließlich jedem passieren! Und über den Gruber und seinen Hof rümpft er sowieso ständig die Nase.

Er beklagt sich weiter bei seiner Stammtischrunde.

»Und dann hot er mei Resi ausg´schumpfa!«

»Was hat er?« hakt Hinnerk nach. Der Apotheker ist erst kürzlich aus dem hohen Norden nach Haimhausen nördlich von München zugezogen.

»Mei Resi hat er aus´g… Er hat. Meine Tochter. Resi. Beschimpft.« Das Stakkato in Greindls Sprache kommt nicht von den vier Hefeweizen, die er wie jeder der Stammtischbrüder schon genossen hat. Er klingt immer so, wenn er nach der Schrift redet. »Weil sie seinem Knecht schöne Augen macht. Der Saupreiß, der damische!«

»Ich denke, der Gruber ist hier geboren und hat den Hof von seinem Vater geerbt.« Hinnerks Stimme zittert leicht vor Unsicherheit.

»A Preiß … ein Preuße ist er wirklich nicht, aber ein Saupreiß, ein damischer!«

Die Glaskrüge klirren aneinander, die wenigen Gäste drehen überrascht ihre Köpfe zu der Viererrunde herüber, die sich vor Lachen schüttelt.

Dass der Gruber mit seinem Vorwurf Recht hat, weil Resi auf diese Weise den Knecht nicht nur von der Arbeit abhält, sondern auch in Gefahr bringt, behält der Greindl lieber für sich. Als Resi das letzte Mal vor Matthias, dem Knecht, herumtänzelte, hatte der sich beim Dengeln vor lauter Ablenkung an der Sense geschnitten.

»Resi, bring deinem Vater und uns noch ´ne Runde von der Gerstenkaltschale«, ruft Hinnerk der Greindl Resi zu, als die mit einem leeren Tablett durch den Gastraum der Haimhausener Schlosswirtschaft schwebt. Er kichert über seine nicht so ganz zutreffende Wortwahl. Als Resi ihn verdutzt anschaut, legt er nach: »Na, von dem Hopfentee.«

Gruber gibt für den Rest des Abends genug Gesprächsstoff her, sodass die vier gar nicht aufbrechen müssten, würde der Wirt nicht irgendwann seine Gäste hinauskomplimentieren.

»Ich hab da eine Idee«, nimmt Hinnerk in der Tür den Faden wieder auf und nuschelt, »da ist doch die Baustelle für die neue Umgehungsstraße. Wir kommen auf dem Heimweg sowieso daran vorbei …«

 

Greindl liegt auf dem Rücken. Er kann nichts sehen. Hat man ihm die Augen verbunden? Er muss auf einem Ochsenkarren liegen, der über einen holprigen Weg zockelt, so schüttelt es ihn durch.

»Maximilian! Maximilian!«

Die Stimme reißt ihn nicht abrupt aus seinem Traum, sondern zieht ihn langsam in die Wirklichkeit zurück. Er erkennt das heimische Schlafzimmer. Seine Frau kniet neben ihm auf dem Ehebett. Er fühlt sie mehr, als dass er sie in dem Dunkel sieht, weil sie ihn rüttelt, bis er endlich wach ist.

Es ist noch Nacht, wie er durch die zugezogenen Vorhänge erkennen kann. Warum schüttelt sie ihn, und warum schreit sie so? Beinahe hysterisch.

Und da ist dieses Brummen. Er kennt es von vielen Nächten nach einem ausgedehnten Besuch der Schlosswirtschaft mit der ausufernden Stammtischpolitik, die ihm intellektuell oft das Letzte abverlangt. Doch heute ist das Brummen anders. Es schwillt in einem Crescendo an, erreicht einen Höhepunkt, ebbt ab und erwacht von neuem in gleicher Weise. Andauernd. Und noch ein Unterschied: Es kommt von außerhalb seines Schädels.

Der Greindl Max schüttelt seine Frau ab, setzt sich auf, tastet nach seinen Pantoffeln und schleicht zum Fenster. Den Kopf kann er nicht weiter auf sein Normalmaß zusammendrücken, da er eine Hand fortnehmen muss, um die Gardine aufzuziehen. Schlagartig ist er nüchtern.

Fast nur Sekunden später steht er, immer noch in Pantoffeln, zu nachtschlafender Zeit auf dem taufeuchten Hof. Jetzt im Herbst sind die Nächte länger. Seine Kinnlade entwickelt ein Eigenleben und klappt ohne sein bewusstes Zutun herunter. Dass seine Frau ihm den Bademantel über den dünnen Schlafanzug hängt, nimmt er gar nicht wahr. Zu sehr kreisen seine Sinne um den Anblick eines nicht enden wollenden Autokorsos, der sich durch seinen Hof wälzt.

Irgendwann fasst er sich, tut drei, vier Schritte nach vorn und stoppt mit ausgebreiteten Armen das nächste Fahrzeug. Der Fahrer lässt das Seitenfenster herunter, um seinem Unmut über die Sperrung Luft zu machen, besinnt sich ob des einsetzenden Hupkonzerts anders und fährt einfach in einem Bogen um den Greindl Max herum. Der Berufsverkehr folgt ihm, als sei nichts gewesen.

 

Greindl blickt in die Richtung, aus der die Autoschlange kommt. Auf der anderen Straßenseite lehnt der Gruber Sepp über seinen Zaun gebeugt, schon komplett angezogen. Er grinst zu Greindl herüber und winkt.

»Woas is nacha des?« Greindl schreit es ihm zu, als er den Straßenrand erreicht hat. Der Gruber Sepp zuckt die Schultern, sodass Greindl es wiederholen muss. Er legt die Hände wie einen Trichter um den Mund. »Waas ist daas?«

Den Gruber schüttelt es vor Lachen.

Greindl sieht ihn etwas rufen. Richtig hören kann er ihn wegen des Verkehrslärms nicht. Er tritt bis auf die Fahrbahn, die Autos weichen mit einem kleinen Schlenker aus. Nun kann er einzelne Brocken verstehen.

»I hob bloß dei Ding da umdraht, du Hirsch, du damischer«, reimt sich Greindl zusammen. »Matthias hat es von deiner Resi erfahren, als sie von ihrer Arbeit in der Wirtschaft noch bei ihm vorbeikam.«

Greindl versteht jetzt seinen ungeliebten Nachbarn, er hat eine Lücke im Verkehr genutzt, um mit gehetztem Schritt die Straße zu überqueren. Panisch schaut er zurück auf die Fahrbahn, wo eben ein Geländewagen den Hausschuh überfährt, den er bei seinem Lauf eingebüßt hat. Dann folgt sein Blick Grubers ausgestrecktem Arm.

Mit aufgerissenen Augen und offenem Mund starrt er auf das dunkelgelbe Schild, das er selbst in der Nacht mit seinen Zechkumpanen von der Baustelle weggetragen und hier aufgestellt hat. Oh, was haben sie über ihre Gemeinheit gelacht! Der ganze morgendliche Berufsverkehr aus dem Dachauer Hinterland beim Gruberbauern im Hof! Der Greindl Max war vor Kichern kaum in den Schlaf gekommen. Und nun?

Nun zeigt der Pfeil auf seine, Greindls, Hofeinfahrt, und der Schriftzug steht auf dem Kopf: Umleitung.

 

Ende der Leseprobe