Schottische Intrigen: »Familienbande«

Buchcover Familienbande von Michael Kothe

Das Verschwinden des sympathischen Timothy McPhallon führt die Suchtrupps ins schottische Hochmoor. Doch nicht nur Nebel und der alles verschluckende Regen lasten auf Aberdeenshire. So düster, wie wir uns das Bild von der Heimat Nessies und Bravehearts machen, sind die Absichten einiger aus dem Clan der McPhallons. Sie stehen miteinander in Konkurrenz, doch wissen sie nichts von dem Wettstreit und davon, dass er tödlich enden mag ...

 

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Darüber hinaus ist Familienbande als ein Beitrag in Schmunzelmord 2, der neuesten Sammlung "krimineller Erzählungen" zu lesen.


Leseprobe

 

Familienbande

 

1.

Was am weitesten zu hören war, war das Schmatzen ihrer Stiefel, wenn sie ihre Füße aus dem Morast zogen. Jedes dieser Schlürfgeräusche war begleitet von einem Blubbern, sobald die Gasblasen beim Aufplatzen den Fäulnisgeruch freigaben. Schritt für Schritt arbeiteten sie sich durch das Zwielicht voran­. Kalt war es, die dicken Jacken der einen hatten die Feuchtigkeit aufgesogen, während sie bei den anderen Männern ihren direkten Weg unter das Ölzeug gefunden hatte. Kaum einer hatte nicht die Schultern nach vorn gezogen, kaum einer zitterte nicht wenigstens ab und zu. Käsig lugte der Mond durch Lücken in der Wolkendecke und reflektierte sein fahles Licht auf dem Bodennebel. Nur, wenn sie sich gebückt bewegten, konnten sie erkennen, was die Lichtkegel ihrer Stableuchten durch den Dunst offenbarten. Doch auf dem Boden war nichts, nichts außer Sumpf, aufgeworfenen Torfbrocken oder halbvermoderten Pflanzenresten. Ab und zu erschollen Rufe, um die eigene Anwesenheit kundzutun oder um festzustellen, ob der nächste in der Suchkette nicht schon verschollen sei. Stets darauf bedacht, nicht gleichfalls Opfer des Moores zu werden wie der Mann, die sie gerade suchten.

Seit vier Tagen wurde Timothy McPhallon vermisst. In seinem Häuschen, das sich am Ende der Straße in den Hang duckte und dessen Steinwände fast mit dem Fels verschmolzen, war der sympathische Mann nicht anzutreffen, auch im Pub hatte ihn keiner gesehen. Vergebens schauten die jungen Frauen in dem Dorfladen nach dem gutaussehenden 30jährigen, von dem sie sich in einem ebenso lockeren wie anzüglichen Geplauder etwas Abwechslung von ihrem Landleben versprachen. In McPhallon Manor, dem Herrenhaus eine Meile außerhalb des Ortes, hatte man sich nicht getraut nachzufragen. Dorthin war er die letzten Jahre über nicht gegangen, warum also jetzt? Ohnehin wohnte dort nur noch der griesgrämige Butler, seit vor ein paar Tagen Aladair McPhallon als Letzter seiner Generation gestorben war. Alle seine Kinder hatte er im Lauf der vergangenen paar Jahre beerdigen müssen, es gab nur noch seine Enkel, seine Großneffen und Großnichten. Timothy war einer seiner Enkel. Offenbar gewesen, denn …

»Kommt mal hier herüber, ich hab‘ etwas gefunden.« Gedämpft kroch die Stimme übers Moor, rief die äußeren Suchtrupps zusammen. Erleichtert tasteten sie sich dem Rufer entgegen. Zaghaft tauschten die Männer im Flüsterton untereinander ihre Kommentare aus.

»Es wird auch Zeit. Gott sei Dank hat die Schinderei ein Ende. Bei jedem Schritt zieht der Stiefel Gestank und Verwesung aus dem Moor. Verdammte Nacht, verdammte Nässe. Geht einem bis auf die Knochen! Morgen werd‘ ich wohl im Bett bleiben müssen.«

»Oder ich treff‘ dich besonders früh im Pub, wenn du deine Erkältung wieder mit Single Malt bekämpfst.«

Die Antwort war ein verhaltenes Lachen, das urplötzlich aufhörte. Der Sprecher hatte sich dem Rufer soweit genähert, dass er ihn erkannte. Gregor McBride, der Hüne von Kerl, der die Suchaktion leitete, wedelte ihnen mit einem Streifen Stoff entgegen. Die Ankömmlinge nahmen ihm den Fetzen aus der Hand und schenkten besonders den beiden Metallknöpfen daran ihr Augenmerk.

»Eindeutig von Tims Jacke. Diese Knöpfe mit der Adlergravur gibt‘s in ganz Schottland nicht nochmal. Woher hast du‘s?«

»Hing über dem Ast hier. Aber so eine Jacke reißt nicht, wenn einer im Vorbeigehen mal hängenbleibt. Da muss mehr passiert sein!« 

In immer weiteren Kreisen schlich der Trupp gebückt um den kahlen Krüppelbaum, an dessen gebrochenem Ast der Stoff gehangen hatte. Zertrampelte Erde, niedergetretene Schilfstängel, Pfützen, deren Umrisse an Schuhsohlen erinnerten, gefüllt mit brauner Brühe. Diesen Spuren folgte einer, bis er außer Sicht geriet. Kurz darauf kam er hastig zurückgestapft, und sogleich beugten sich stämmige Männer in wärmenden Kapuzenjacken über ein Smartphone, auf dessen verschlammtem Display sich verwischte Fingerspuren deutlich abhoben.

...

 

3.

...

Alan schluckte. Susan und Gwyneth hatten sich als Geste der gegenseitigen Betroffenheit eng umarmt, das war üblich, aber die Umarmung seiner Frau und Arthurs schien ihm zu eng, zu wenig verwandtschaftlich, und sie dauerte ihm entschieden zu lang. Nach seinem Dafürhalten lag etwas Freundschaftliches, ja Intimes darin. Das helle Rufen der kleinen Kirchenglocken unterbrach seine Gedanken. Das Kirchenschiff war winzig genug, um trotz der wenigen, die zu Mortimers Gedenken gekommen waren, eine rege Anteilnahme der Dorfgemeinschaft an seinem Hinscheiden vorzugaukeln.

Zumindest sahen sich die Trauernden eng zusammengeschweißt und zum Ausharren verdammt. Draußen entlud sich ein Gewitter, dessen Donnerhall Teile der Predigt ungehört machte, und das Prasseln des Regens auf die schiefernen Schindeln vermied, dass mehr als die in der ersten Reihe Sitzenden die Worte des Pfarrers vernahmen, mit denen er doch noch etwas Gutes über Mortimer zu berichten suchte.

Als der Zug dem schlichten Sarg folgte, hatten eine fahle Sonne und bleiches Blau den Himmel zurückerobert. Es roch nach nasser Erde, nach Regen und nach frisch gemähtem Gras. Die Schritte der Trauergäste ließen den Kies knirschen, und einige versuchten, durch das Auftreten mit der Sohlenkante das Geräusch zu vermeiden, weil ihnen die Unterbrechung der Stille pietätlos oder peinlich vorkam. Die Erde um das Grab herum war aufgeweicht, und spätestens dann zog die Nässe in das Schuhwerk oder die Hosensäume, wenn der oder die Betreffende aus nächster Nähe eine Schaufel Erde auf den Sarg warf.

 

Im Pub war das Hinterzimmer für den Leichenschmaus beinah feierlich hergerichtet. Weiße Tischdecken und Blumenschmuck hatte der Wirt sonst nie aufgelegt, aber für die Enkelkinder des alten Aladair ließ er sich nicht lumpen ...

 

Ende der Leseprobe